Drei Ideen, um Skeptikern veganes Essen in den Mund zu stecken

Wenn wir uns überlegen, anhand von welchen Indikatoren oder Messgrößen die vegane Bewegung Erfolg bemessen könnte, könnte dies die entscheidende Frage sein:

Wie vielen Menschen haben wir bereits ein tolles veganes Geschmackserlebnis beschert?

Wenn die Leute merken, dass veganes Essen gut schmecken kann, wird es wahrscheinlicher, dass sie Argumenten für den Veganismus oder der Idee, dass Nutztiere auch wertvoll sind, aufgeschlossener gegenüber sind (ich habe schon oft darüber geschrieben).

Zwar kaufen bereits viele Menschen – sowohl Veganer als auch Nicht-Veganer – vegane Produkte in Supermärkten oder probieren vegane Gerichte in Restaurants (oder zu Hause) aus. Ich meine aber diejenigen, die dies wahrscheinlich nicht von sich aus tun: Menschen, die möglicherweise Vorurteile gegen veganes Essen haben (dass es langweilig ist, geschmacklos, zu schwierig zuzubereiten usw.). Da sie nicht bereit sind, Geld für Veggieprodukte oder -gerichte auszugeben, wie können wir ihnen etwas Veganes in die Hand geben oder in den Mund stecken?

Eine Möglichkeit ist das, was ich als verdeckten Veganismus bezeichne: man erwähnt einfach nicht, dass ein Produkt, ein Gericht oder ein Restaurant vegan ist, um Vorurteile zu vermeiden. Aber schauen wir uns andere Möglichkeiten an.

Es ist natürlich logistisch etwas aufwändiger, vegane Probierhappen unter die Leute zu bringen, als Flyer zu verteilen, E-Mails zu schicken oder Videos zu zeigen (also die Art, wie Veganer normalerweise gern Überzeugungsarbeit leisten). Man muss das Essen kaufen und den Leuten mitbringen, es vorbereiten und servieren (und am besten gleich prüfen, wie es ankam, und mit Rat und Tat zur Seite stehen). Zwar können wir niemanden zwangsernähren, aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie wir den Abstand zwischen dem zögerlichen Kunden und einem (leckeren) veganen Produkt verkürzen können.

Am einfachsten wäre es natürlich, wenn die Hersteller selbst Kostproben ihrer Produkte an Orten anbieten, wo viele Menschen hinkommen, einkaufen oder essen. Das kann auf einer Messe sein, an einem geschäftigen Ort in der Stadt, oder in Restaurants und Supermärkten. Da Hersteller (oder Geschäfte) möglichst viele Produkte verkaufen wollen, lohnt es sich für sie, wenn so viele Menschen wie möglich ihre Produkte probieren. Sie hoffen darauf, dass das Verteilen von Probierhappen zu mehr Verkäufen führt.

So viel zu den naheliegenden Möglichkeiten. Im Folgenden möchte ich noch ein paar weniger offensichtliche Ideen vorstellen, mit denen man nicht Skeptikern veganes Essen zukommen lassen kann.

1. Kostproben von in Cafeterias angebotenen veganen Gerichten verteilen
Mir hat vor kurzem jemand von einer wahrscheinlich besonders effizienten Strategie für die Verteilung von Kostproben erzählt: In einem Betriebsrestaurant (oder einem anderen Restaurant) können die Kunden täglich (oder an bestimmten Tagen) zwischen einem veganen Gericht und einem Fleischgericht wählen. Normalerweise werden viel mehr Fleischgerichte als vegane Gerichte verkauft. Wenn man jedoch am Eingang des Betriebsrestaurants Kostproben des veganen Gerichts verteilen würde (oder auch nur der Fleischalternative dieses Gerichts – z.B. ein veganes Nugget), während die Kunden in der Schlange warten, könnte der Prozentsatz der verkauften veganen Gerichte dramatisch erhöht werden. Die Person (ein Vertreter eines Unternehmens, das Fleischalternativen herstellt) sagte mir, dass sich bis zur Hälfte der Kunden für das vegane Gericht entscheiden würde!
Das Verteilen der Probierhappen könnten dabei sowohl Vegan-Botschafter als auch Mitarbeiter von Catering-Unternehmen übernehmen. Das tolle daran ist, dass man durch die Kampagne eines oder mehrerer großer Caterer (z.B. Compass, Aramark, Eurest…) bereits einen großen Teil der Bevölkerung abdecken würde. Solche Aktionen könnte man sowohl in Schulen als auch in Betriebsrestaurants durchführen. Auf der Metaebene hätten vegane Organisationen, die sich bei Caterern für diese Art von Kampagnen einsetzen und ihnen vielleicht einen Kampagnenrahmen wie einen Veggie Day oder eine fleischlose Woche/einen fleischlosen Monat bieten, einen potentiell sehr großen Wirkungsgrad, vor allem dann, wenn es um sehr große Firmen geht.

2. Förderung von „gemischten Marken“
Unter einer gemischten Marke verstehe ich eine Marke oder Firma, die sowohl Fleischprodukte als auch vegane oder vegetarische Produkte im Sortiment hat. Diese Unternehmen verfügen über entsprechende Mittel, um ihre eigenen Kunden – die ja bereits vertraut mit der Marke sind – davon zu überzeugen, auch ihre neuen Veggieprodukte zu testen. So habe ich schon Verpackungen von Fleischprodukten gesehen, die die vegetarische Variante des Produktes bewerben, wenn du zu Hause den Deckel abmachst – wie in diesem Beispiel von der deutschen Firma Rügenwalder.

Es gibt aber auch noch weitere Möglichkeiten. Ich hätte noch folgende Ideen (verzeihe mir die vereinfachenden Zeichnungen):

Diese Ideen erfordern natürlicheinige logistische Anstrengungen und man erkennt leicht, dass sie sich nicht an Veganer richten. Aber ich denke, es gibt hier ein großes Potenzial, Skeptiker genau dort zu erreichen, wo es darauf ankommt: nämlich beim Geschmack.

Es könnte sich für Unternehmen auszahlen, diese Ideen auszuprobieren, da es für sie immer wichtiger wird, auf dem veganen Markt weiter Fuß zu fassen. Eine zusätzliche Motivation könnte dabei sein, dass die Gewinnspanne der Veggieprodukte in einigen Fällen höher sein dürfte.

Man darf den Mehrwert einer großen, vertrauenswürdigen Marke nicht außer Acht lassen. Wenn Fleischesser eine vegetarische Version eines Produkts sehen, das sie kennen und dem sie vertrauen, ist es wahrscheinlicher, dass sie das Produkt dieser Marke kaufen, als von einer Marke, die sie nicht kennen. Vor kurzem habe ich eine Grafik des Marktforschungsunternehmens GFK gesehen (die ich hier aus urheberrechtlichen Gründen nicht zitiere), die die Marktdurchdringung (d.h. wie viele Leute das Produkt tatsächlich ausprobiert hatten) von vegetarischem Käseaufschnitt in Deutschland zeigt. Für die Veggievariante einer bekannten Fleischmarke waren dies nicht weniger als 48 %. Eine der bekannteren vegetarischen Marken lag hingegen bei lediglich zwei Prozent!

3. Vegan-Botschafter als Probierhappenverteiler
Es gibt viele Vegan-Aktivisten, die auf der Straße mit Videos, Flyern und in Gesprächen moralische Botschaften verbreiten. Das ist super, aber ich denke, diese Interaktionen könnten deutlich mehr bewirken, wenn sie auch eine Kostprobenkomponente beinhielten. Ein veganes Nugget (wahrscheinlich eines der am besten zum Verteilen geeigneten herzhaften Produkte) könnte z.B. ein Gesprächsstarter sein, der die Leute weniger defensiv beim Diskutieren über Tierleid macht, da sie feststellen, dass nicht allzu viel zu verlieren ist.

Ich denke, dass die Tierschutzbewegung Verteilaktionen in einem viel größeren Rahmen organisieren könnte, als sie es bisher tut. Wir könnten potentiell jeden Tag zehntausende vegane Probierhappen auf der Straße, auf Festen und Messen mit oder ohne besonderen Anlass verteilen.

Kane Rogers und Mei Wong, zwei australische Aktivisten, leiten die Kampagne „The food you choose“ [Das Essen, das du wählst] in Melbourne. Diese Kampagne konzentriert sich vor allem darauf,Menschen dazu zu bewegen, veganes Essen zu probieren. Kane und Mei haben viel Erfahrung mit dem Verteilen von Probierhappen, daher habe ich sie nach ihren besten Tipps für Verteilaktionen gefragt. Sie schlagen Folgendes vor:

Sag ihnen nicht, dass es vegan ist… zuerst.
Da ein als „vegan“ gekennzeichnetes Produkt für viele immer noch ein Abtörner zu sein scheint, ist es besser, dies am Anfang nicht zu erwähnen. Stattdessen können Sie z.B. „Kostenlose und nachhaltige Lebensmittel“ oder „Cholesterinfreie Lebensmittel“ auf Ihre Schilder schreiben. Passen Sie sich Ihrer Zielgruppe an.
Wenn die Leute das Essen probiert haben, sollten Sie sie fragen, wie es ihnen geschmeckt hat. Es ist wichtig, zuerst ihre Reaktion festzuhalten, damit sie ihre Meinung später nicht ändern können.

Legen Sie die Karten auf den Tisch.
Sagen Sie der Person, dass sie gerade ein pflanzliches Produkt gegessen hat. Menschen werden nicht gerne hinters Licht geführt. Achten Sie daher darauf, dass die Leute sich nicht ausgetrickst fühlen. Sie können die Leute z.B. fragen: „Was glauben Sie, woraus das hergestellt wurde?“
Die Leute sind möglicherweise erstaunt. Sagen Sie ihnen daher, dass die meisten Menschen den Unterschied nicht erkennen würden. So verärgern Sie die Leute nicht und es verstärkt den Gedanken, dass veganes Essen genauso gut schmecken kann wie„normales Essen“.

Sagen Sie ihnen, wo sie es kaufen können.
Wenn Sie etwas für die Tiere oder den Planeten tun möchten, sorgen Sie dafür, dass Leute das Produkt für sich selbst kaufen. Konzentrieren Sie sich auf diesen Aspekt! Sprechen Sie nicht über die Vorteile des Veganismus im Allgemeinen oder darüber, warum sich jemandprinzipiell rein pflanzlich ernähren sollte (es sei denn, jemand fragt danach). Konzentrieren Sie sich nur auf dieses eine tolle Produkt und warum die Leute es kaufen sollten.
Für viele Menschen könnte dies ihreerste Erfahrung mit veganem Essen sein. Es ist daher wirklich wichtig, dass dieser Moment ein schöner ist, der positiv erlebt wird, an den die Leute sich gerne erinnern. Wenn die Person das Produkt nicht mag oder eine starke Abneigung in Bezug auf veganes Essen oder Veganismus im Allgemeinen hat, dann sei es so! Versuche nicht, diese Meinung zu ändern. Mit der Zeit ändert die Person ihre Meinung vielleicht doch noch.

Hier besteht ein großes Potenzial für Partnerschaften mit den Herstellern dieser Produkte. Die vegane Bewegung könnte mit den Herstellern zusammenarbeiten und würde möglicherweise sogar für die Verteilung von Probierhappen bezahlt. Stelle dir nur mal vor, wie viele vegane Nuggets eine Gruppierung wie Anonymous for the Voiceless mit vielen hundert Ortsgruppen auf der ganzen Welt verteilen könnte!

Hast du weitere Ideen, wie man Skeptikern veganes Essen näherbringen könnte? Schreib mir gerne einen Kommentar!

Übersetzung von Jutta Kleine-Horst

Wärst du heute Veganer(in), wenn…?

Realitätscheck: wir möchten, dass alle Veganer(innen) werden, aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung vollzieht diesen Schritt.

Es hilft aber nicht weiter, sich über diese Tatsache zu beschweren oder alle, die nicht vegan leben, als selbstsüchtig, gefühllos oder heuchlerisch zu bezeichnen.

Die Abbildungen unten zeigen dagegen, was wir tun können, um wirklich etwas zu bewegen. Das Kreisdiagramm links stellt die relativ kleine Zahl Menschen dar, die bereit sind, den relativ großen Aufwand auf sich zu nehmen, der derzeit nötig ist, um vegan zu werden. Diese Aufwand wird durch den sehr steilen Weg rechts dargestellt.

Die meisten Veganer(innen) und Tierrechtsaktivist(inn)en wollen den Anteil links erhöhen, indem sie versuchen, die Motivation ihrer Mitmenschen zu steigern, sodass mehr von ihnen bereit sind, den notwendigen Aufwand auf sich zu nehmen.

Dies ist für sich genommen aber nicht ausreichend, um eine vegane Welt zu schaffen. Ich bin Optimist und glaube daher, dass die meisten Menschen mit den Tieren empfinden und nicht wollen, dass ihnen Leid zugefügt wird. Das Problem ist lediglich, dass es sie nicht genug kümmert, um zu viele Unannehmlichkeiten (oder das, was sie als Unannehmlichkeiten wahrnehmen) zu ertragen.

Neben dem Erhöhen der Motivation müssen wir daher auch – genau! – die Steilheit des Weges reduzieren.

Dies bedeutet, ein Umfeld zu schaffen, das jede Menge veganer Alternativen bietet und in welchem die Herstellung von Tierprodukten zunehmend schwieriger wird. Die Leute müssten dann immer weniger Aufwand auf sich nehmen und benötigten folglich weniger Motivation. Je geringer der Anstieg des Weges (d.h. je vegan-freundlicher das Umfeld), umso mehr Menschen entschließen sich, vegan zu leben.

Einige werden erst zu Veganer(inne)n, wenn der Pfad so aussieht:

Und für einige Nachzügler muss er gar so aussehen:

Viele Veganer(innen) finden es traurig und deprimierend, dass wir die Dinge erst einfacher machen müssen, bevor die Menschen tun, was moralisch richtig ist. Ich kann das gut verstehen. Aber wir sollten auch beachten, dass weder du noch ich ausschließlich aus moralischen Gründen vegan geworden sind. Auch wir waren auf die Verfügbarkeit von Alternativen angewiesen, ohne die wir diesen Weg womöglich nicht gegangen wären. Du magst glauben, dass du nur das richtige Wissen benötigt hast oder nur auf die richtigen Ideen kommen musstest, aber das stimmt nicht: Du fingst damit an, vegan zu leben, als du motiviert genug warst, um den Berg hinaufzukraxeln. Einige Menschen haben sich dazu bereits entschlossen, als der Weg noch steiler war, zum Beispiel in den 1970ern.

Für jeden von uns mussten bestimmte Bedingungen gegeben sein, um diesen Schritt zu gehen. Nur die wenigsten oder überhaupt niemand könnten einen derart steilen Weg hinaufsteigen:

Oder gar einen solchen:


Es ist alles relativ. Sei froh, dass du dich schon jetzt (oder gar vor längerer Zeit) entschlossen hast, vegan zu leben. Aber sei dir auch dessen bewusst, dass es schon vor dir Menschen gab, die diesen Schritt gegangen sind. Erwarte daher nicht von jeder und jedem, dass er oder sie sofort einen veganen Lebensstil annimmt. Arbeite an der Motivation UND daran, den Weg einfacher zu machen.

Diese Übersetzung ist auch hier zu finden:
https://veganeueberzeugung.wordpress.com/2017/04/25/waerst-du-heute-veganerin-wenn/.

Die Veganisierung der Welt: Eine mögliche Strategie

Dies ist ein etwas längerer Beitrag, der die in diesem Vortrag [englisch] vorgestellte Strategie zusammenfasst. Dieser Artikel ist zuerst auf Französisch hier erschienen.

Wie man die Welt „veganisiert“

Es ist sicherlich plausibel anzunehmen, dass Leser dieses Textes der Meinung sind, dass in einer idealen Welt — abgesehen von vielen anderen Veränderungen — Tiere nicht für menschliche Zwecke benutzt würden, sei es für Essen, Kleidung, Forschung, Unterhaltung, oder was auch immer. Kurz gesagt: eine ideale Welt ist eine vegane Welt.

Können wir jemals eine vegane Welt erreichen? Derzeit sieht es nicht so gut aus. Laut Melanie Joys „drei Ns der Rechfertigung“ wird Fleisch als natürlich, normal und notwendig aufgefasst. Und um noch zwei Ns hinzuzufügen: Fleisch ist nett (lecker) und nicht das erste und einzige, was uns beschäftigt. Außerdem wird erwartet, dass die Nachfrage nach Fleisch, Milchprodukten und Eiern in den nächsten Jahrzehnten stark steigen wird, bedingt durch die höhere Kaufkraft von Menschen in Schwellenländern wie zum Beispiel China und Indien, die gemeinsam bereits ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachen.

Dennoch bin ich optimistisch. Ich denke, eine vegane Welt ist machbar (obgleich dies natürlich davon abhängt, was genau man unter einer veganen Welt versteht, aber darauf möchte ich hier nicht weiter eingehen). Die Frage ist nun: wie erreichen wir dieses Ziel?

Die offensichtlichste Möglichkeit und die Strategie, die von den meisten Veganern, Tierrechtsaktivisten und Organisationen angewandt wird, ist simpel: sie versuchen, so viele Menschen wie möglich zu überzeugen, Veganer zu werden, indem sie ihnen erklären, dass Tiere leiden und dass sie Respekt oder gar Rechte verdienen. Dieses Vorgehen ist ein wichtiger Teil unserer Strategie, aber es ist definitiv nicht der einzig notwendige Teil und möglicherweise nicht einmal der wichtigste. Ich denke, dass das Bemühung um die gesellschaftliche Anerkennung von Tierrechten die größte Herausforderungen unter allen vergleichbaren Anstrengungen ist. Um den Kampf zu gewinnen, benötigen wir verschiedene Taktiken. Bevor ich auf diese eingehe, sehen wir uns an, wieso diese Bemühungen so schwierig und anders sind.

Der Kampf um Tierrechte ist anders

Wir lieben es, die Bewegung für Tierrechte mit den Anliegen diverser Menschenrechtsgruppen zu vergleichen, sei es die Abschaffung der Sklaverei, die Befreiung der Frau, Anti-Rassismus, und so weiter. Trotzdem ist es wichtig zu realisieren, dass bei allen Gemeinsamkeiten auch große Unterschiede bestehen. Zuallererst sind in unserem Fall die Aktivisten nicht identisch mit den Opfern. Wir, die Unterstützer, sprechen für Wesen, die nicht für sich selbst sprechen können. Und wir sind derzeit noch eine relativ kleine Gruppe. Die öffentliche Unterstützung für unsere Sache ist bei weitem geringer als sie für die Rechte von beispielsweise Schwarzen oder Frauen war oder ist. Dies liegt eben genau daran, dass in diesen Fällen People of Colour oder Frauen ein wichtiger Teil des Protests waren oder sind. In den Worten des Autors Norman Phelps: „Wir versuchen die erste Bewegung für soziale Gerechtigkeit in der Geschichte zu sein, die ohne die organisierte und bewusste Mitarbeit der Opfer Erfolg hat.“

Man sollte auch das unglaubliche Ausmaß beachten, in dem unsere Gesellschaft von Tierprodukten abhängig ist. Die meisten Menschen, insbesondere in der westlichen Welt, konsumieren mit jeder Mahlzeit Tierprodukte: drei Mal am Tag, jeden Tag. Große Teile der Volkswirtschaft hängen vom Konsum tierischer Produkte ab, darunter Teile der Kleidungs- und Unterhaltungsindustrie, sowie der Forschung. Wir sind in den Gebrauch — beziehungsweise Missbrauch — von Tieren viel mehr eingebunden, als wir es wahrscheinlich jemals in den „Gebrauch“ von Schwarzen, Frauen oder Kindern waren. Es ist offensichtlich, dass ein solches System extrem träge ist. Dies sollten wir im Hinterkopf behalten.

Es gibt noch einen anderen Grund für Trägheit: das Verhalten, das wir in erster Linie zu verändern suchen, ist Essverhalten. Unsere Ernährungsgewohnheiten sind tief in uns verwurzelt, vielleicht mehr als irgendetwas sonst. Was wir essen ist verbunden mit emotionalen und psychologischen Faktoren. Man kann von Essen abhängig werden und so vergleichen einige Wissenschaftler das Suchtpotential mancher Nahrungsmittel oder Zutaten mit dem von harten Drogen. Wenn es ums Essen geht denken wir nicht mit unserem Verstand, sondern mit unseren Geschmacksnerven und unserem Magen. Das Essen von Fleisch ist seit Hunderttausenden von Jahren Teil unserer Geschichte und viele Menschen erleben ein sehr starkes Verlangen danach.

Auf der anderen Seite wird unsere Herausforderung dadurch erschwert, dass es unsere Gegner sehr einfach haben: ihre Botschaft (dass es okay ist, Fleisch zu essen; normal, gesund, etc.) ist genau das, was der Großteil der Öffentlichkeit hören will. Es ist diese Botschaft, die die Industrie mit ihren Milliarden von Euro an Werbebudget in die Welt bringt.

All diese Faktoren — sowie andere — sollten wir beachten, wenn wir Strategien für unsere Bewegung und für eine vegane Welt entwerfen. Das soll nicht heißen, dass kein Vergleich gezogen werden sollte, oder dass es keine Ähnlichkeiten gäbe. Doch es bedeutet, dass wir nicht voreilige Schlüsse aus dem, was in anderen sozialen Bewegungen geschehen ist, ziehen sollten. Wir betreten großteils Neuland.

Moralische und nicht-moralische Faktoren

Wenn wir uns die Faktoren anschauen, die Individuen (und die Gesellschaft als ganzes) beeinflussen, vegan zu werden oder Schritte in Richtung Veganismus zu unternehmen, können wir folgende Unterscheidung treffen: es gibt moralische Faktoren und nicht-moralische Faktoren. Mitgefühl mit Tierleid und -schmerz ist das wichtigste moralische Argument, das wir nutzen. Wir hoffen, dass die Menschen ihr Verhalten ändern, wenn sie das Los der Tiere, die sie essen, in ihre Überlegungen miteinbeziehen. Nicht-moralische Faktoren sind Faktoren, die Menschen ebenfalls motivieren können, vegan zu essen oder zu leben, aber für sich genommen nichts mit Moral zu tun haben. Das Umfeld, beispielsweise, in dem Menschen ihr Essen zu sich nehmen, kann dazu führen, dass sie vegan essen oder nicht. Ein wunderbares Angebot großartig schmeckender Fleisch- und Milchproduktalternativen kann Menschen dazu bringen, sie auszuwählen, ohne dass sie an die Tiere, die davon betroffen sind, denken. Auch Überlegungen zur eigenen Gesundheit sind ein solcher nicht-moralischer Faktor (obwohl ich sie niemals als „egoistisch“ bezeichnen würde, was manche tun).

Wir glauben, dass moralische Faktoren am besten funktionieren

Unsere Bewegung konzentriert sich vor allem auf moralische Faktoren. Wir verbringen viel Zeit damit, den Leuten zu erklären, dass Tiere Empfindungen haben, dass sie ein Recht auf Leben haben, und so weiter, und sagen, dass das Grund genug für sie sein sollte, ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern.

Warum fokussieren wir uns auf diese moralischen Faktoren? Zum Teil weil wir glauben, dass dies das effektivste ist, was wir tun können. Und wir glauben an die Effektivität dieser Argumente, weil sie es waren, die die meisten von uns dazu gebracht haben, Vegetarier oder Veganer zu werden. Nichtsdestotrotz bedeutet die Tatsache, dass wir von diesen Faktoren beeinflusst wurden, nicht, dass es anderen genauso ergehen wird. Wäre dem so, gäbe es offensichtlich schon jetzt sehr viel mehr Veganer. Man könnte die derzeitigen Vegetarier und Veganer (die nicht mehr als ein paar Prozente der Bevölkerung ausmachen) als innovators und early adopters laut der Diffusionstheorie (diffusion of innovation) begreifen. Es ist durchaus vorstellbar, dass der Rest der Bevölkerung (die sogenannten early und late majorities und natürlich die laggards) andere Methoden benötigt um überzeugt zu werden, denn er besteht aus Menschen die sich von uns unterscheiden und z.B. andere Interessen haben. Kurz gesagt sollten wir bei unseren Kampagnen immer eine Sache im Hinterkopf haben: dass wir nicht identisch mit unsere Zielgruppe sind.

Die richtige Sache aus den richtigen Gründen?

Wir glauben nicht nur, dass die moralischen Argumente gut funktionieren. Wir wollen auch, dass sie gut funktionieren und wir wollen dass die Menschen von diesen moralischen Faktoren überzeugt werden und nicht von etwas anderem. Wir wollen, dass die Leute aus den richtigen Gründen Veganer werden, d.h. der Tiere wegen. Ich vermute, der Grund ist, dass wir glauben, dass nur Menschen, die die Tiere kümmern, einen echten und bleibenden Schutz für sie liefern. Wir bezweifeln, dass eine vegane Welt jemals nur durch eine großen Zahl von Gesundheits- und Gourmetveganern zustande kommen kann — aus gutem Grund. Es mag noch andere, persönlichere Gründe geben, aber ich will nicht mit Psychoanalyse anfangen.

Weil wir also (1.) denken, dass ein Schwerpunkt auf moralischen Argumenten funktioniert und (2.) weil wir wollen, dass die Leute das richtige aus den richtigen (moralischen) Gründen tun, hat sich unsere Bewegung in den letzten Jahrzehnten explizit darauf konzentriert.

Das Problem mit moralfokussierten Kampagnen ist jedoch, dass sie nicht ausreichen. Eine Sache, die wir durchaus von anderen sozialen Bewegungen lernen können, insbesondere von den Sklavereigegnern (und dies ist eine Parallele, von der ich glaube, dass wir sie ziehen können), ist, dass der Kampf nicht mit moralischen Argumenten alleine gewonnen wird. Die Sklaverei in Nordamerika wurde nicht nur erst durch einen Krieg beendet. Auch andere Dinge waren entscheidend, wie die Erfindung der Dampfmaschine, die bestimmte Prozesse automatisieren und damit billiger als Sklavenarbeit machen konnte.

Moral alleine reicht nicht aus

Im Falle der Tierrechtsbewegung sind diese nicht-moralischen Faktoren vielleicht noch wichtiger. Wenn man das moralische Argument nämlich logisch bis zum Ende denkt, folgt daraus, dass wir die Pflicht haben, immer und überall Produkte tierischen Ursprungs zu vermeiden (wir beschränken uns hier auf Nahrung), selbst wenn dies dazu führt, dass wir für den Rest unseres Lebens nur Brot und Wasser zur Verfügung haben. Moralisch würde das Sinn ergeben und viele Veganer würden tatsächlich ihrer Überzeugung treu bleiben, selbst wenn das bedeutet, dass sie tatsächlich nur Wasser und Brot zu sich nehmen könnten. Dennoch ist es leicht vorstellbar, dass jeder Fortschritt in der Entwicklung von alternativen Produkten (sowohl was Qualität, als auch was Quantität und Verfügbarkeit angeht) es einfacher macht, ein Stück in der Entwicklung Richtung vegane Welt voranzuschreiten. Anders ausgedrückt: je besser und größer das Angebot an Alternativen zu Tierprodukten, desto weniger moralische Motivation ist notwendig. Dies ist gut für uns, da wir weder die Motivation der anderen unter direkter Kontrolle haben, noch ihr Mitgefühl oder ihre für den Wandel notwendige Disziplin.

Verhaltensänderungen können dem Überzeugungswandel vorausgehen

Für diejenigen, die wollen, dass die Leute aus den richtigen Gründen vegan werden und sich um die Tiere Gedanken machen, gibt es trotzdem eine gute Nachricht: ein Wandel inder Überzeugung kann auf eine Änderung im Verhalten folgen. Lassen Sie mich dies erklären. In unserer Bewegung arbeiten wir, wie in den meisten sozialen Bewegungen, üblicherweie so: wir wollen die Einstellungen und Annahmen der Menschen über etwas verändern und hoffen, dass dieser Haltungswechsel sie dazu bringt, ihr Verhalten ebenfalls zu ändern. In unserem Fall versuchen wir die Einstellung gegenüber Tieren durch Informationen zu verändern, zum Beispiel Informationen darüber, dass Tiere empfindungsfähig sind, leiden können, Rechte und Respekt verdienen, und so weiter. Wir hoffen, dass die Adressaten dies verstehen und dann den nächsten Schritt tun, d.h. aufhören, Tierprodukte zu essen. Manchmal funktioniert das auch, aber wahrscheinlich nicht häufig genug. Nicht nur sind wir nicht in der Lage, alle Menschen dazu zu bringen, sich für das Tierleid zu interessieren (wir haben wenig Kontrolle über ihr Mitgefühl). Darüber hinaus werden einige (vielleicht viele) Menschen, die tatsächlich Mitgefühl entwickelt haben, ihr Verhalten nicht ändern — dies bezeichnet man als die Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten (attitude-behaviour gap). Tatsächlich können wir wohl davon ausgehen, dass die meisten Menschen sich sehr wohl darum sorgen, was mit Tieren z.B. in Tierfabriken geschieht. Dennoch sind die meisten Menschen keine Veganer: sie übertragen ihr Mitgefühl nicht in ihr Handeln. Dafür gibt es viele Gründe, aber zweifellos ist einer der wichtigsten, dass es im Allgemeinen nicht „bequem“ genug ist, dies zu tun.

Wenn jemand aber zuerst sein Verhalten ändert (d.h. ohne seine Überzeugung zu ändern), kann diese Verhaltensänderung seine Einstellung beeinflussen. Vielleicht fällt Ihnen die Parallele zu dem auf, was ich zuvor schrieb über moralische Gründe und nicht-moralische Gründe. Menschen können ihre Ernährungsgewohnheiten aus nicht-moralischen Gründen ändern: vielleicht gibt es in ihrem Umfeld sehr gutes veganes Essen, vielleicht kocht jemand anderes täglich für sie. In Zukunft gibt es womöglich überall vegane Alternativen. In manchen Situationen könnte veganes Essen die naheliegendste Option sein und Menschen entscheiden sich dafür, ohne darüber nachzudenken.

Sobald jemand aber die Erfahrung gemacht hat, dass vegane Ernährung gut schmeckt, machbar ist, nicht viel kostet, und so weiter, wird diese Person empfänglicher für Tierrechts-Argumente, da sie nun nicht mehr fürchten muss, etwas zu verlieren. Sie weiß und hat am eigenen Leib erfahren, dass es großartige Alternativen zu Tierprodukten gibt, sodass sie keine Angst mehr hat, zu kurz zu kommen. Nun ist sie auch weniger geneigt, einen Artikel über Tierleid zu ignorieren oder wegzuschauen, wenn im Fernsehen Bilder aus einer Tierfabrik laufen. Sie ist weniger geneigt, diese Dinge einfach abzutun.

Ich will mit einem konkreten Beispiel illustrieren, wie das Verhalten auf unsere Überzeugungen wirkt. Stellen sie sich einen Stierkämpfer und einen Arbeiter im Schlachthaus vor. Diese beiden Menschen machen im Wesentlichen dasselbe: Kühe töten. Wenn man einen Nicht-Veganer fragt, auf welchen der beiden er wütender ist, lautet die Antwort: der Stierkämpfer. Warum ist das so? Zum Teil liegt das daran, dass viele Menschen Stierkämpfe als sinnlose Gewalt begreifen, während die Schlachtung zur Fleischgewinnung als notwendig aufgefasst wird. Unterhaltung ist in ihren Augen belangloser als Nahrung. Dennoch denke ich nicht, dass dies der Hauptgrund ist. Vielmehr ist folgendes der wichtigste Unterschied: die meisten Menschen haben mit Stierkämpfen nichts zu tun (sie gehen nicht hin und schauen sie sich nicht im Fernsehen an), sind aber in die Schlachtung von Tieren involviert, da sie Fleisch essen. Verhalten beeinflusst Überzeugungen. Es ist sehr viel schwieriger etwas zu verurteilen, was man selbst tut. Aus diesem Grund fällt es vielen Menschen leicht, Pelz zu verdammen, denn sie selbst tragen nie Pelz.

Auch gesundheitliche Gründe können dazu führen, dass die Verhaltensänderung den Sorgen um die Tiere vorausgeht. Die Forschung zeigt, dass in einem großen Teil der Fälle Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen Veganer oder Vegetarier wurden, anfangen, sich für das Tierleid zu interessieren — genau so, wie ich es eben beschrieben habe. Viele „ethische Veganer“ haben als „Gesundheits-Veganer“ angefangen. Ich teile daher nicht die Befürchtung einiger Veganer, dass Gesundheit kein guter Motivator und kein gutes Argument sei, da es weniger „haftet“ (d.h. Gesundheits-Veganer oder -Vegetarier seien eher bereit, aufzugeben). Erstens gebe es ohne das Gesundheitsargument überhaupt sehr viel weniger Vegetarier und Veganer, und zweitens entwickeln sich die Motivationen vieler Menschen mit der Zeit, wie von mir beschrieben. Diese Befürchtung hat ihre Ursache also eher darin, dass wir wollen, dass die Leute das, was sie tun, aus den richtigen Gründen tun. (Andererseits sollten wir den gesundheitlichen Vorteil der veganen Ernährung nicht übetrieben darstellen, und potentielle Risiken sollten erklärt werden)

Inkrementalismus ist wichtig

Wie man vielleicht sehen kann, geht es bei dem oben beschriebenen nicht darum, Menschen sofort vegan zu machen. Indem sie Erfahrungen mit veganem Essen und veganen Produkten machen, ändern sie langsam ihr Verhalten und ihre Überzeugungen und viele werden schließlich vollständige Veganer, der Tiere wegen. Dies soll jedoch nicht heißen, dass diejenigen, die ihren Fleischkonsum lediglich reduzieren, nicht an sich schon wertvoll sind. Im Gegenteil: ich denke, der schnellste Weg hin zu einer veganen Welt wäre, sich auf die Reduktion von Tierprodukten zu konzentrieren (in Kombination mit einer „lebe vegan“ Botschaft, die gezielt an eine bestimmte Zielgruppe unter bestimmten Umständen gerichtet ist). Die Menschen werden eher bereit sein etwas zu tun, wenn wir sie bitten, einen Schritt zu tun, von dem sie sich vorstellen können, ihn tatsächlich zu tun. Vegan zu werden kommt für die meisten Menschen am Anfang nicht in Frage. Dies bedeutet aber nicht, dass Broschüren, Trotzdem oder Individuen, die die Botschaft „Werde vegan!“ verbreiten, nicht hilfreich sind. Vielmehr sollte auch der Aufruf zur Fleischreduktion wahrnehmbar sein, vielleicht noch wahrnehmbarer als der Aufruf, vegan zu leben. Eine große Gruppe von Fleischreduzierern ist die schnellste Möglichkeit, die Nachfrage (und damit das Angebot) nach veganen Produkten zu erhöhen. Je mehr Reduzierer es gibt, desto mehr vegane oder vegetarische Produkte gibt es, und umso einfacher wird es, komplett vegan zu leben. Es ist wichtig, uns daran zu erinnern, dass viele von uns Veganer sind, da es heute sehr viel einfacher ist als früher und dass es sehr viel einfacher ist, da es eine große Zahl an Fleischreduzierern gibt, die vegetarische und vegane Produkte nachfragen (nicht wegen der immernoch recht kleinen Anzahl Veganer).

Fazit

Fassen wir zusammen: neben dem Ansatz, dass Menschen um der Tiere Willen vegan leben sollen, sollte es auch einen Ansatz geben, der sich zunächst auf Verhaltensänderungen konzentriert. Der Wandel im Verhalten kann aus allen möglichen Gründen geschehen (Gesundheit, Verfügbarkeit guter Alternativen…) und in verschiedenem Ausmaß (Fleischreduzierer, Vegetarismus, Veggie Day…). Genauso wie die Motivationen der Menschen sich entwickeln können, kann sich auch die Häufigkeit des Fleischkonsums entwickeln. Eine große Zahl von Fleischreduzierern erhöht das Angebot und macht es daher für alle einfacher, Veganer zu werden. Wenn vegane Produkte überall verfügbar sind, und erst recht wenn sie die naheliegendste Option werden, wird es sehr viel einfacher, die Tierrechts-Botschaft unter das Volk zu bringen, da zu diesem Zeitpunkt sowohl die Individuen als auch die Gesellschaft als ganzes weniger von Tierprodukten abhängig sein werden. Daraus folgt auch, dass es zum jetzigen Zeitpunkt sehr wichtig ist, sich darauf zu konzentrieren, großartige Tierprodukt-Alternativen zu schaffen, sowohl im Supermarkt, als auch im Restaurant.

Diese Übersetzung ist auch hier zu finden: http://www.veggie.de/die-veganisierung-der-welt/.

Das System auf den Kopf stellen, eine vegane Welt schaffen

Dies ist unsere Herausforderung: wir müssen alle verbleibenden Nicht-Veganer (rot) — die etwa 99% der Bevölkerung ausmachen — dazu bringen, Veganer (grün) zu werden.


Eine Möglichkeit wäre zu versuchen einen nach dem anderen zu überzeugen. Dies war bisher ein sehr langsamer Prozess und wird es auch bleiben.

Der Ansatz „einer nach dem anderen“ sollte darum mit einem reduktionalistischen Ansatz kombiniert werden: wir können die Leute dazu bringen, den Konsum von Tierprodukten zu reduzieren. Viel mehr Menschen werden auf diesen Ansatz positiv reagieren.

Eine Kombination aus einer überschaubaren Anzahl Veganern und einer viel größeren kritischen Masse von ausreichend Fleichreduzierern wird das System sehr viel schneller „umdrehen“. Das Angebot reagiert auf die veränderte Nachfrage, die Gesellschaft wird veganfreundlicher, Normen ändern sich, und vegan zu leben wird um einiges einfacher.

Diese Übersetzung ist auch hier zu finden: http://www.veggie.de/das-system-auf-den-kopf-stellen-eine-vegane-welt-schaffen/.

Es kommt darauf an, großartige Alternativen zu schaffen

Im Jahr 1986 erklärte die International Whaling Commission ein Moratorium über kommerziellen Walfang, der nun überall, außer in ein paar Ländern, verboten ist. Es wäre aber nie dazu gekommen, wenn der kommerzielle Walfang nicht seit dem späten 19. Jahrhundert massiv an Bedeutung verloren hätte.

Wale, insbesondere Pottwale, waren einst eine wichtige Energiequelle. Walöl (Tran) wurde den toten Tieren entnommen und vor allem als Lampenöl, aber auch zum Heizen und in der Herstellung von Seifen, Farbe und anderen Produkten verwendet. Zahlreiche Wale wurden für diese Zwecke getötet.

Whale blubber was used as a source of energy till the invention of kerosene.

Bis Abraham Gesner, ein Arzt und Geologe aus Kanada, die Weltbühne betrat. Im Jahr 1849 entwickelte er Petroleum, eine Flüssigkeit, die aus Kohle, Bitumen und Ölschiefer gewonnen wird. Anders als Walöl hatte es keinen unangenehmen Geruch, es verdarb nicht und – was wohl am wichtigsten war: – es war günstiger herzustellen als Walöl .

Während überall Petroleumdestillerien aus dem Boden schossen und der Treibstoff kommerzialisiert wurde, stürzte die Nachfrage nach Walöl ab. Die Walindustrie hielt sich eine Zeit lang mit dem Verkauf von Knochen, die in Korsetts und anderen Kleidungsstücken verwendet wurden, über Wasser. Jedoch wurden diese schnell durch andere Materialien ersetzt, sodass Walfang letztlich nicht mehr wirtschaftlich interessant war.

Anscheinend war es nie Abraham Gesners Absicht, den Walfang abzuschaffen. Vielmehr spielten, soweit wir wissen, moralische Überlegungen keine Rolle für ihn. Aber das Ergebnis war da: der letzte US-amerikanische Walfänger lief im Jahr 1924 aus und legte einen Tag später wieder an.

Die Tatsache, dass Walöl keine besonders gute Energiequelle mehr war, machte es verständlicherweise sehr viel einfacher, im Jahr 1986 ein Walfangmoratorium zu beschließen. Wenn die Umweltbewegung also letztlich Erfolg hat, und auch die letzten Ländern den Walfang verbieten, wird dies nicht nur auf die Schlagkraft moralischer Argumente zurückzuführen sein, sondern auch auf dessen geringere Bedeutung dank besserer Alternativen.

Aktivismus mit moralischen Argumenten ist wichtig, reicht aber nicht aus. Fleischalternativen, einschließlich sauberem Fleisch [auch kultiviertes Fleisch und In-vitro-Fleisch genannt], werden für das Ende der tierischen Landwirtschaft ebenso entscheidend sein, wie es Petroleum für das Ende des kommerziellen Walfangs war.

Die 12 Eigenschaften hocheffektiver Veganer

Meiner Meinung nach macht einen hocheffektiven Veganer nicht in erster Linie aus, ob er vegan bis auf die letzte Minizutat lebt. Stattdessen geht es darum auf eine Weise zu kommunizieren, die die meisten Herzen und Hirne für mehr Mitgefühl beim Essen und im Leben öffnet. Im Folgenden meine Liste von zwölf Eigenschaften hocheffektiver Veganer.

1. Hocheffektive Veganer können sich in die Lage jeder Person, mit der sie sprechen, hineinversetzen. Sie wissen, dass Menschen in vielerlei Hinsicht vollkommen verschieden sind. So haben sie abweichende Interessen und Motivationen, und unterscheiden sich darin, wie sie Veränderungen und Herausforderungen umgehen. Daher gilt…

2. Hocheffektive Veganer sind anpassungsfähig. Sie können ihre Art zu reden und worüber sie reden an ihr Publikum anpassen. Ihre Vorgehensweise ist nicht dogmatisch. Sie wissen, dass sie moralisch nicht dazu verpflichtet sind, Veganismus als moralische Verpflichtung darzustellen.

3. Hocheffektive Veganer ermutigen jeden Schritt, den jemand unternimmt. Sie wissen, dass Wandel in der Regel nach und nach vonstattengeht. Darum fokussieren sich hocheffektive Veganer auf die guten Dinge, die jemand bereits tut, und nicht auf die Dinge, die er/sie noch nicht tut.

4. Hocheffektive Veganer interessieren sich nicht für „Reinheit“ [im Sinne von moralischer Perfektion]. Sie wissen, dass es unproduktiv ist, sich auf Reinheit zu konzentrieren — sowohl bei sich selbst als auch bei anderen. Sie wollen, so gut wie möglich, veganes Leben machbar, einfach und attraktiv aussehen lassen. Sie wissen, dass Mitgefühl beim Essen keine Sache von „entweder, oder“, „schwarz oder weiß“, „jetzt oder nie“ ist. Sie möchten anderen lieber dabei helfen, den ersten Schritt zu tun, als den letzten.

5. Hocheffektive Veganer müssen nicht immer Recht haben. Stattdessen richten sie ihre Aufmerksamkeit darauf, was effektiv ist. Aus diesem Grund debattieren und diskutieren sie nur selten. Sie wissen, dass sie neben Argumenten auch praktische Informationen, Rezepte oder geschmackliche Erfahrungen (wenn sie für andere kochen) zu bieten haben.

6. Hocheffektive Veganer können gut zuhören. Sie wissen, dass zuhören für echte Kommunikation unabdingbar ist. Daher können sie auch Fragen stellen und wissen, wann es am besten ist, nichts zu sagen. Sie sind freundlich und haben einen Sinn für Humor. Sie wissen, dass der Verlauf ihrer Gespräche oft wichtiger ist als deren Inhalt.

7. Hocheffektive Veganer erinnern sich, wie es war, als sie noch nicht Veganer waren — sie leiden nicht unter veganer Amnesie. Sie wissen, dass sie einmal Tierprodukte aßen und möglicherweise selbst kein Ohr für die Tierrechtsargumente hatten, selbst wenn sie ihnen klar dargelegt wurden. Daher sind sie geduldig und haben Verständnis.

8. Hocheffektive Veganer wissen, dass ein Einstellungswandel der Verhaltensänderung folgen kann. Darum ist es ihnen egal, wenn Leute aus Gesundheits- oder sonstigen Gründen ihre „vegane Reise“ antreten.

9. Hocheffektive Veganer haben Demut. Sie wissen, dass sie nicht perfekt sind. Sie wissen, dass andere Menschen in der Lage sind, große Dinge zu tun, selbst wenn sie keine Veganer sind. Und sie wissen, dass sie nicht auf alles eine endgültige Antwort haben.

10. Hocheffektive Veganer haben Vertrauen in Menschen. Sie wissen, dass die meisten Menschen Gutes tun wollen und nicht möchen, dass Tiere leiden. Hocheffektive Veganer wissen, dass Wandel Zeit braucht. Sie haben erkannt, dass es wichtig ist, von Mitgefühl bestimmtes Handeln und Essen zu erleichtern, indem mehr und bessere vegane Optionen bereitgestellt oder entwickelt werden.

11. Hocheffektive Veganer verstehen, wie ausschlaggebend wichtig gute Nahrungsmittel sind. Sie begrüßen die Entwicklung neuer Produkte, sie lernen zu kochen, und sie sind eine Inspiration für andere, indem sie ihnen erzählen, wie großartig man als Veganer essen kann.

12. Hocheffektive Veganer verurteilen niemanden. Sie verstehen Veganismus als einen Weg und nicht als einen Endpunkt; als etwas, dass niemals vollendet ist, und das auf vielen verschiedenen Wegen begonnen werden kann.

Mehr zu den hier dargelegten Ideen in diesen Videopräsentationen [englisch].

Diese Übersetzung ist auch hier zu finden: http://www.veggie.de/die-12-eigenschaften-sehr-effektiver-veganer/.